Über diesen Satz ist zurzeit eine theologische Debatte entstanden: Führt uns Gott denn in Versuchung? Oder sollte es nicht besser heißen: Führe uns in der Versuchung oder durch sie hindurch? Es geht den Theologen darum, den Ursprung dieser Übersetzung zu finden und sie eventuell zu korrigieren. Wir sind in guter Gesellschaft, wenn wir bei dieser Bitte manchmal zögern.
Von Jesus heißt es bei Lukas (Lk 4, 1-13), dass der Geist ihn in die Wüste führte. Die Versuchung aber fand in seinem eigenen Herzen statt. Er musste sich entscheiden für oder gegen Gott – so menschlich war das.
Auch die drei beschriebenen Versuchungen und die entsprechenden Ängste, die dabei mitspielen, sind grundlegende Erfahrungen unseres Menschseins.
Es beginnt sehr elementar in der ersten Versuchung. Jesus hat Hunger, nach langer Zeit des Fastens. In dieses Vakuum bricht die Versuchung ein. Auch wir wollen unseren Hunger nach Leben selber stillen aus der Angst heraus, dass wir zu kurz kommen könnten. Keiner sorgt für uns, sagt die Angst, also müssen wir es selber tun. Es fällt uns schwer zu vertrauen und uns zu verdanken. Dabei können wir unsere tieferen Bedürfnisse nicht selber befrieden. Sie sind Geschenk.
In der zweiten Versuchung geht es um das, was der Volksmund lapidar benennt: „Haste was, dann biste was“. Dabei schwingt die Angst mit, ein Niemand zu sein, wenn ich nichts besitze: Reichtum, Titel, Ansehen. Ich hole mir mein Selbstwertgefühl von außen statt von innen. Es ist ein trügerisches Angebot – wie bei Jesus – die eigene Seele zu verkaufen und etwas Anderes an die Stelle zu setzen, die Gott gehört
Die dritte Versuchung rechnet damit, dass der Mensch auf Sensationen hereinfällt. Ich muss etwas Spektakuläres tun, damit ich auf mich aufmerksam mache. Dahinter steckt die Angst, nichts Besonderes zu sein. Also stelle ich den Schein über das Sein und vergesse dabei, dass ich bereits einmalig bin und unendlich geliebt. Erfolg ist keiner der Namen Gottes, habe ich einmal gelesen.
Warum konnte Jesus in der kurzen Zeit seines öffentlichen Wirkens so überzeugend sein? Er hatte den Kampf um das Reich Gottes in seinem eigenen Herzen gewonnen. Er lebte seine Beziehung zum Vater und ließ sich von ihm in seine Gedanken einführen. Deshalb fand er Worte, die andere tief bewegten.
Wie bestimmt sein Wort heute mein Leben?
Text: Sr. Pietra Hagenberger Bild: Pixabay

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