„Das ist mir heilig“, hören wir Menschen oft sagen und sie meinen damit, dass ihnen etwas viel bedeutet, dass es ihnen lieb und teuer ist. Für jeden kann das etwas Anderes sein, weil jeder eine andere Werteskala hat.
In einer Frauengruppe kam einmal die Frage auf: Das Heilige – was ist das eigentlich? Aus dem Brainstorming ist mir noch im Gedächtnis: „…was mich unbedingt angeht,“ – „…woraus ich letztlich lebe“ – „…was mich im Innersten lebendig macht,“ – „…etwas Unzerstörbares in mir,“ – „ …was meinem Leben Sinn gibt.“
Zu einem späteren Zeitpunkt sprachen wir darüber, wie uns das damalige Gespräch berührt hatte. Es war, als ob das Heilige uns greifbar nahe war, nicht gegenständlich, sondern als unmittelbare Wirklichkeit und Wahrheit. Es war ein heiliger Moment, der lange nachwirkte.
So ähnlich stelle ich mir eine innere Haltung zum zweiten Vaterunser-Absatz vor: eine Offenheit und große Wachheit gegenüber der unfassbaren Heiligkeit, die wir Gott nennen. Man könnte es auch als eine Hinneigung des Herzens beschreiben, von der der Psalmist weiß, dass ich sie mir nicht selber geben kann: „Neige mein Herz zu Dir…“ Das ist Gottes Werk. Meine Aufgabe bleibt es, ihm den Raum in meinem Leben geben, den ihm nichts und niemand streitig machen kann.
Rabindranath Tagore, der hinduistische Philosoph und Dichter, hat es in einem kleinen Gedicht so ausgedrückt:

Wohin ich immer gehe,
du bist mein Begleiter:
Du nimmst mich bei der Hand
und führst mich.
Wie ich dahin wandere,
lehne ich mich an dich.

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