Das Bild „L’Obbedienza“ stammt vom Monte Cassino in Italien und spricht viele Menschen an durch seine Schönheit und Ausdruckskraft
Das Wort „Gehorsam“ hat es weniger leicht im Verständnis der Menschen. Es klingt nach Unselbständigkeit, Unterdrückung und Mangel an gelebtem Leben. Kein Mensch und keine Institution darf Gehorsam um seiner oder ihrer selbst willen fordern. Die Freiheit des Menschen wird zum gefährdeten Terrain, wenn Gehorsam nur mit zusammen gebissenen Zähnen oder auf Kosten des eigenen Denkens geleistet wird.
Wenn ich einen Teil meiner Freiheit aufgebe, zum Beispiel durch die Gelübde in einem Orden, dann tue ich das, um einen anderen Wert zu leben, vor allem aber, um einem Ruf zu folgen, den ich für mich als richtig erkenne. Ich ordne mich freiwillig der Ausrichtung einer religiösen Gemeinschaft und ihrem Charisma unter. Letztlich ist es aber immer Gott, dem ich gehorsam und dem ich verantwortlich bin.
Auf dem Bild sehen wir sehr eindrucksvoll, dass Gehorsam mit „horchen“ zu tun hat. Die androgyne Figur auf dem Bild ist voll konzentriert auf ein Gegenüber. Sie horcht mit ihrem ganzen Wesen. .So kann man auch in eine Situation hineinhorchen, ob sie für mich stimmig ist oder nicht. Mein Gewissen ist der Begleiter dabei – — ein geschultes Gewissen und nicht eine Gummiband-Ausgabe.
Lebensgehorsam hat als Spielraum das ganze Leben: alle Höhen und Tiefen, alles Glück und alles Leid, alle verwirklichten und alle unverwirklichten Träume.
Unsere Lebensaufgabe ist es, sie immer wieder anzunehmen und sie bewusst in unser Leben zu integrieren. Das kann für den leidvollen Teil bitter schwer sein. Das kann uns in Bedrängnis bringen, weil das Bild vom „lieben Gott“ keinen Sinn mehr ergibt für den, der wie erschlagen ist von einer schrecklichen Nachricht oder Situation. Wie kann ich etwas akzeptieren, das mich in meinen Grundfesten erschüttert? Dazu gibt es keine einfache Antwort.
Vielleicht ist es eine Gnade, wenn ich viel Zeit geschenkt bekomme für die Aufarbeitung. Vielleicht darf ich mir Hilfe holen. Vielleicht darf manches ausheilen, weil ich ein früheres Gottesbild loslassen kann und mein Leben neu voll Vertrauen in Gottes Hände lege.. Keiner weiß vom Anderen, wie so etwas geschieht. Aber es geschieht und macht aus uns friedvolle, reife Menschen.
Die Anderen spüren die positive Ausstrahlung, die aus einem so verstandenen Lebensgehorsam kommt. Auch wir leben vom Mut solcher Menschen und werden gestärkt durch ihre Zuversicht.
Dem Leben gehorchen ist ein Geheimnis des Menschseins. Es öffnet Bereiche, von denen viele Menschen nichts wissen und sich doch danach sehnen. „Es gilt, unsere Geburt zu vollenden“ (Willigis Jäger) und unser Menschsein voll auszuschöpfen. Dazu gehört eben, das Leben als Lehrmeister zu verstehen, der uns beglückt, uns aber auch viel zumutet.

Andreas Knapp sieht das so:
Bekehrung
nicht mehr rotieren
um den eigenen Bauchnabel
Kopernikanische Wende
Ego-Dezentralisierung

mich gänzlich überlassen
der Anziehungskraft deiner Liebe
im Blick auf dich
finde ich meine Bahn

nicht vor dem Spiegel bleiben
mich einfach umdrehen
die große Wende
du stehst hinter mir.
Text Sr. P.H